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Rote Retrospektive


Mit dem Jahreswechsel 2010/2011 wurde eine der schönsten Sonderschauen der Automobilgeschichte eingemottet: Mit einer Jubiläumsausstellung feierte Alfa Romeo den hundertsten Geburtstag der „Belle Macchine“ – zuletzt in Essen auf der Motorshow.

Sie dominieren traditionell in Rot, ohne Königsklassenanspruch zu erheben. Ihre Autos konnten nie wirklich durchschlagende Weltmarkterfolge verbuchen und haben dennoch technisch Maßstäbe gesetzt. Sie sind frei von überirdischen Starallüren und haben trotzdem Kultstatus. Und das seit 100 Jahren. Auf allen bedeutenden Auto-Shows wurden die Italiener deshalb ein Jahr lang groß gefeiert. Zelebriert wurde das Jubiläum mit einer wandernden Sonderausstellung, die die ganze Geschichte der motorisierten Lust und Leidenschaft, die in Mailand ihren Ursprung nahm und bis heute Automobilgeschichte schreibt. Zu sehen gab es zum Alfa-Geburtstag eine Inszenierung der Rennwagen, die zwischen 1925 und 1996 Renngeschichte geschrieben haben.

Zu den Gran Seigneurs der Ausstellung gehörte der Alfa Romeo P2 Gran Premio von 1925, das älteste Exponat der Ausstellung. Mit ihm gewann der Italiener Gastone Brilli-Peri 1925 die erstmals ausgeschriebene Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. Der Alfa Romeo 6C 1750 Gran Sport von 1930 mit Reihensechszylinder und den legendär skurrilen Scheinwerfern hatte auf der Mille Miglia 1930 seinen historischen Auftritt. Dort lieferten sich Tazio Nuvolari und Achille Varzi, beide im 6C 1750, ein ebenso verschärftes wie trickreiches Duell. Nuvolari überholte den völlig irritierten Varzi auf dem letzten Streckenabschnitt im Dunkeln mit den roten, ausgestellten Scheinwerfern, die der Konkurrent für Rücklichter hielt und gewann.

Speziell für Rennen wie in Le Mans gebaut, gehörte der Alfa Romeo 8C 2300 von 1931 ebenfalls zu den erfolgreichsten Rennwagen der frühen 1930er Jahre. Von 1931 bis 1934 gewannen die mit langem Radstand gebauten Wagen gleich viermal hintereinander die legendären 24 Stunden von Le Mans.

Ahnungslos auf der Rennstrecke: Die Rennwagen verfügten damals nur über einen Drehzahlmesser und keinen Tacho. Ebenso wie ihre fossilen Konkurrenten hatten die Alfa Romeos das Lenkrad übrigens deshalb auf der rechten Seite, weil nahezu alle Rennstrecken im Uhrzeigersinn verliefen und fünfmal mehr Rechts- als Linkskurven hatten. Dieser Streckenverlauf hat sich bis heute fast nirgendwo geändert.

Geändert hat sich jedoch die Platzierung von Lenkrad und Fahrer: Ab 1932 gingen die ersten Einsitzer auf die Rennstrecke und errangen nicht nur zahllose Siege, darunter den großen Preis von Italien in Monza und den großen Preis auf dem Nürburgring 1932, sondern eröffnete zugleich die Ära des Monoposto mit freistehenden Rädern und wurde so zu den Urvätern des modernen Formel 1 Boliden. Den Abschied gaben die Alfa Monoposti mit dem Gran Premio Tipo 159 Alfetta, mit dem Juan-Manuel Fangio 1951 den ersten seiner fünf WM-Titel holte.


Zweisitzig ging es wieder ab 1953 mit dem Alfa Romeo 6C 3000 CM auf die Rennstrecke. In 1964 designte man sich bei Alfa Romeo mit dem Giulia Tubolare Zagato TZ1 in die Tourenwagenklasse. Zwischen 1967 und 1979 gewannen GTA-Modelle sieben Mal in Folge die Europameisterschaften. In der DTM/ ITC konnte Alfa Romeo von 1993 bis 1996 noch einmal 38 Siege einfahren. Das letzte Siegerpodest auf der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft betrat ein Alfapilot 1993. Der größte Wunsch aller Alfa-Fans von heute ist natürlich eine Rückkehr ihrer Lieblingsmarke in den Motorsport. Heute kann man mit den historischen Alfas, deren Wert im Millionenbereich liegt, zwar keine modernen Rennformate gewinnen, doch rollen viele von ihnen immer noch zu Traditionsfahrten wie der Mille Miglia an.

Wurde Alfa Romeo in den letzten Jahren primär dafür gerühmt, dass auf der Motorhaube der Neuwagen stets die schönsten Mädchen der Autosalons sitzen, gibt man sich heute damit nicht mehr zufrieden. Denn feminine Schönheit reicht nicht für den Erfolg in der am dichtesten besetzten Fahrzeugklasse. Mehr denn je wollen die Italiener daher wieder mit Technik punkten und rüsten ihre motorisierten Hoffnungsträger kräftig auf: Nicht nur ESP und ein elektrisches Sperrdifferential für den Spaß gibt es serienmäßig an Bord. Alle Modelle verfügen zudem über eine Start-Start-Stopp-Automatik für die Vernunft und einen Schalter fürs Vergnügen. Auf Knopfdruck kann man damit auch heutzutage wieder Mamas Einkaufskutsche zur Rennsemmel machen.

Wer hat’s erfunden?
Übrigens: wer die Keimzelle der roten Rennwagen in der Scuderia in Maranello sucht, ist auf der falschen Fährte. Rot war in den Urzeiten des Motorsports schlicht und einfach die Nationalfarbe der Italiener...

 


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